Gehirnerschütterung

(Commotio cerebri)

Der Babyschädel hat Knochenlücken (Fontanellen). Durch sie kann sich der Schädel an das Gehirnwachstum anpassen und Stösse besser abfangen. Die grosse Fontanelle verknöchert meist zwischen dem neunten und 24. Monat.

Hervorgerufen wird eine Hirnerschütterung durch äussere Gewalteinwirkung (Sturz, Schlag auf den Kopf). Als Folge davon kommt es zu Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Lichtempfindlichkeit und Kopfschmerzen. Die Rückbildung der Symptome bei Gehirnerschütterung kann Tage bis Wochen betragen. Im Normalfall ist kein bleibender Schaden zu erwarten.

Patienten mit einer Hirnerschütterung sollten einen Tag überwacht werden. Je länger die Bewusstlosigkeit dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Hirngewebe Schaden genommen hat. Eine Raum fordernde Blutung im Gehirn kann zu Quetschungen von Gehirnteilen führen und damit lebenswichtige Funktionen beinträchtigen, z.B. das Atemzentrum. Dies kann im schlimmsten Fall bis zum Tod führen. Blutungen können sich langsam entwickeln, und erst nach Stunden bis Tagen zu Symptomen führen. Röntgentechnisch können „langsame“ Blutungen erst nach 24 Stunden sicher ausgeschlossen werden. Verdacht erregt das Auftreten von Benommenheit, zunehmende Kopfschmerzen, Verwirrung.

Eine Hirnerschütterung ist die mildeste Forme eines Schädel-Hirn-Traumas. Es gibt verschiedene Schweregrade.

  • Leichtes Schädel-Hirntrauma: Hirnverletzung ohne Bewusstlosigkeit bzw. mit Bewusstlosigkeit bis zu 5 Minuten, Übelkeit, evtl. Erbrechen, evtl. retrograde Amnesie (Gedächtnisverlust auf einen zumeist kurzen Zeitraum vor einem bestimmten Ereignis. Eine Gehirnerschütterung heilt in ca. 5 Tagen vollständig aus.
  • Mittelschweres Schädel-Hirntrauma: Bewusstlosigkeit bis 30 Minuten. Spätfolgen sind von der Lokalisation der Hirnschädigung abhängig.
  • Schweres Schädel-Hirntrauma. Bewusstlosigkeit länger als 30 Minuten. Verursacht durch Einklemmung des Gehirns durch Blutungen, Ödeme. Folge ist oftmals ein (oftmals künstliches) Koma, ein komaähnlicher Zustand, eine temporäre Entfernung eines Teils der Schädeldecke (einige Monate) oder gar der Tod. Gewebeschäden, Spätschäden sind wahrscheinlich.

Symptome Gehirnerschütterung

Kleine Missgeschicke und Unfälle sind bei Kindern unvermeidbar. Wenn das Kind nach einem Sturz kräftig schreit sind die entstandenen Kopfschmerzen selten bedrohlich, selbst wenn es zu einer Beule oder Platzwunde gekommen ist.

  • Hautblässe
  • Kurze Bewusstlosigkeit (Sekunden, Minuten bis zu einer Viertelstunde). Wenn die Bewusstlosigkeit länger als eine Viertelstunde und die Verwirrtheit länger als eine Stunde dauert, die Verwirrung gar zunimmt, handelt es sich um eine ernsthaftere Verletzung (Verdacht einer Gehirnblutung, Hirnquetschung).
  • Das Baby bewegt sich unnatürlich. Es greift nicht nach dem angebotenen Spielzeug.
  • Leichte bis mässige Kopfschmerzen.
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Erbrechen (Erbrechen und Kopfschmerzen können aber auch völlig fehlen).
  • Verwirrtheit (Fragen nach Datum, Wochentag, Namen oder dem Ort können nicht mehr oder nur mit Schwierigkeiten beantwortet werden).
  • Erinnerungslücken (Amnesie) für den Zeitbereich vom Unfall bis maximal eine Stunde danach.
  • Sprach- oder Gangstörungen.
  • Starke Müdigkeit, Schläfrigkeit.
  • Geräusch- und/ oder Lichtüberempfindlichkeit.
  • Ungleichgrosse Pupillen.

Achtung:

Je jünger das Kind ist, um so mehr sollte eine Kopfverletzung nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Das Kind sollte genau untersucht werden.

Folgeerkrankungen

In seltenen Fällen kann es nach Wochen, Monaten zu

  • Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen, verstärkte Licht- und Geräuschempfindlichkeit, depressive Verstimmungen, Angst, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit (Wesens-, Verhaltensveränderung) kommen.
  • Manchmal tritt bei einer Gehirnerschütterung nach Wochen ein Bluterguss unter der harten Gehirnhaut auf.
  • Verspannungen im Nackenbereich/Schleudertrauma.

Erste Hilfe

Ist das Kind zunächst bewusstlos, klagt es, wenn es wieder ansprechbar ist über Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und erbricht es, ist der Verdacht einer Hirnerschütterung gross.

  • Ruhe bewahren.
  • Reagiert das Kind auf Ansprache, antwortet es, weiss es was eben passiert ist? Kann es auf Ihre Aufforderung Ihre Hände drücken, die Zunge herausstrecken?
  • Überprüfen sie, ob beide Pupillen gleich gross sind. Bewegt man einen Finger vor den Augen des Verletzten langsam hin und her, so müssen die Augen der Bewegung folgen können.
  • Wenn das Kind nach 5 Minuten nicht wieder zu sich kommt Ambulanz benachrichtigen. Dies gilt auch, wenn der Patient zwar wach, aber schläfrig und dämmrig wird.
  • Bei wachem Zustand mit leicht erhöhtem Oberkörper lagern, bei Schockzeichen Flachlagerung. Bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlagerung (bei Erbrechen besteht die Gefahr des Erstickens).
  • Zudecken, um eine Auskühlung zu verhindern. Kontrollieren Sie immer wieder die Atmung und das Bewusstsein.
  • Beule kühlen mit einer Kühlkompresse (Coldpack). Die entsprechende homöopathische Arznei kann hier die Ausdehnung und die Schmerzhaftigkeit der Beule gut beeinflussen.
  • Platzwunden bluten im Kopf und Gesichtsbereich sehr stark. Ist die Wunde grösser als ein Zentimeter, sollte sie dem Kinderarzt gezeigt werden. Die Wunde mit einer keimfreien Kompresse abdecken und mit Heftpflaster, wenn die Wunde im Haarbereich ist mit einer Mullbinde fixieren.
  • Nach Stürzen auf den Kopf sollte man den Verunfallten 24 Stunden beobachten (Arzt/ Klinik überprüfen das Bewusstsein, Kreislauf und Pupillenreaktion in regelmässigen Abständen). Dauern die Symptome länger als einige Tage an oder setzen erneut wieder ein, müssen Sie zum Arzt gehen.

Verständigen Sie Sanität/Notruf bei folgenden Symptomen  

  • Bei Bewusstlosigkeit mehr als einige Minuten (Blutungen und Schwellungen im Bereich des Gehirns führen zu einer Druckerhöhung im Schädelinnern. Durch Druck auf das Atemzentrum kann es zu Bewusstlosigkeit und im schlimmsten Fall zu einem Atemstillstand kommen).
  • Wenn die Orientierung nicht in Ordnung ist, oder Verunfallte zunehmend verwirrter wird.
  • Bei Benommenheit
  • Bei Schläfrigkeit 
  • Bei wässrigen Blutungen aus Ohr, Nase, Mund oder wenn milchig trübe Flüssigkeit aus der Nase austritt.
  • Wenn der Verunfallte mehr als einmal erbricht.
  • Wenn Sprach- und Gangstörungen auftreten.
  • Bei unregelmässige Atmung.

Klassische Homöopathie

Zum Glück verlaufen die meisten Unfälle ohne Folgen, ausser das vielleicht eine Schwellung (Beule) und ein Bluterguss noch für Tage an das Ereignis erinnern.
Die Meinung, dass Homöopathie nur etwas für chronische Krankheiten ist, ist auch heute noch weit verbreitet. Bei akuten Krankheiten sei deren Wirkung halt zu langsam, so wird argumentiert. Dies widerspricht völlig dem homöopathischen Praxisalltag. Gerade im Akuten zeigen homöopathische Arzneimittel ein grosses Potential. Die Arzneibestimmung ist sogar einfacher als bei einer Konstitutionsbehandlung. Eine homöopathische Behandlung empfiehlt sich unmittelbar nach dem Unfallereignis (sie verhindert Einblutungen, Nachblutungen äusserlich und innerlich, sie behebt dadurch Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen), bei Halswirbelsäulenbeschwerden (Schleudertrauma), Gleichgewichtsstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, psychischen Veränderungen (Reizbarkeit, usw.).

Behandlung

Da bei Unfällen mit Kindern die Mitbeteiligten „unter Schock“ stehen, und dadurch die Arzneimittelbestimmung aus der Hausapotheke meist schwierig ist, rate ich meinen Patienten dazu, sich umgehend bei mir zu melden.

In vielen Ratgebern steht Arnika als Erstmittel bei einer Gehirnerschütterung. Dies mag stimmen, aber nicht immer ist auch Arnika angesagt. Es stehen weitere Arzneien wie Bellis-perennis, Calcium-carbonicum, Cicuta, Helleborus, Hypericum, Natrium-sulfuricum, Opium, Rhus-t, um nur einige zu nennen, bei einer Gehirnerschütterung und deren Folgen zur Verfügung. Wenn das Mittel nicht stimmt, kann ein falsch „gesetzter Heil-Reiz“, bzw. ein falsch gewähltes Arzneimittel den Körper „verwirren“ und somit schwächen. Oft sehe ich die Betroffenen (meist Erwachsene)  erst nachdem sie sich selber homöopathisch behandelt haben, oder wenn bereits Folgeschäden einer Hirnerschütterung aufgetreten sind (chronische Kopfschmerzen, Schleudertrauma, Konzentrationsstörungen, Schwindel). Eigentlich schade, denn je früher die Behandlung beginnt, um so weniger ausgeprägt sind die Folgen.

Jeder Mensch reagiert anders auf einen Unfall. Zwar haben viele Menschen Übelkeit und Kopfschmerzen nach einer Gehirnerschütterung. Aber wie sich die Kopfschmerzen ausdrücken, wann und wo, usw., dies ist individuell. Deshalb gehört bei einer Gehirnerschütterung, bzw. bei deren Folgebeschwerden immer eine Anamnese zur Arzneimittelbestimmung.

Tipps

Prävention:

  • Autogurten, Kindersitz benützen.
  • Fahrradhelm tragen.
  • Rasen oder weicher Bodenbelag auf dem Kinderspielplatz bei Klettergerüst, Schaukel schützen.
  • Ausrutschfallen im Haus eliminieren.
  • Vorsicht beim Wickeln:
    • Die Kleinen sind schon früh in der Lage sich schnell von einer Seite zur anderen zu rollen. Ein Sturz ist da schnell möglich.
    • Wickelutensilien in Griffnähe bereithalten.
    • Immer eine Hand auf dem Baby halten, damit hält man es unter Kontrolle.
    • Baby niemals unbeaufsichtigt auf der Wickelkommode zurücklassen. Das Baby lieber in sein Bettchen oder auf den Boden legen, wenn das Telefon od. die Türglocke klingeln.
    • Die Wickelauflage sollte aus rutschfestem Material sein.

Nach dem Unfall:

  • Beschwerdefreie Personen (weder Anzeichen einer Bewusstlosigkeit oder Gedächtnislücken) sollten sich einige Tage körperlich schonen, Sonne und Hitze meiden.
  • Bei einer schwereren Hirnerschütterung 24 Stunden Nachbeobachtung im Krankenhaus (Bewusstsein, Puls, Blutdruck und Pupillenreaktion werden regelmässig kontrolliert). Wenn klinische Überwachung nicht möglich ist,  muss der Wachheitszustand zunächst jede halbe Stunde, bis Stunde überwacht werden. Eine allfällige Bewusstlosigkeit durch eine Hirndrucksteigerung lässt sich sonst im Schlaf nicht feststellen. Um den Patienten nicht ständig aus dem Heilschlaf zu wecken wird der Muskeltonus überprüft. Bei fehlender Spannung, versuchen Sie die Person zu wecken, gelingt dies nicht: Lagern Sie sie in stabile Seitenlage und alarmieren Sie sofort Sanität/Notarzt.
  • Nach der Klinikentlassung sollte während mehrer Tage eine Beobachtung weiter gewährleistet sein.
  • Bei bestehenden Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit ist Bettruhe, Reizabschirmung (kein Fernsehen, Lesen) angesagt.

Behandlung Schulmedizin

Diagnose

  • Bei längerer Bewusstlosigkeit und abhängig vom Unfallhergang: Röntgen
  • Hirnstrommessung (EEG)
  • Eine Kernspin-Tomografie wird zur Diagnose einer Gehirnerschütterung erst notwendig, wenn das CT-Bild unauffällig war, der Verletzte aber über Beschwerden klagt oder die neurologische Untersuchung Gehirnschäden vermuten lässt.

Behandlung

  • Symptomatische Behandlung gegen Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, z.B. Schmerzmittel mit Paracetamol
  • Antidepressiva